Der Unterschied zwischen Distance-Learning, Homeschooling und Selbstbestimmter Bildung

Im Zuge der Lockdowns wurde der Unterricht an Schulen in Österreich (und Deutschland und der Schweiz) gestoppt und für SchülerInnen hieß es plötzlich: Distance-Learning! SchülerInnen und deren Eltern bzw. betreuende Personen mussten plötzlich Schulaufgaben zuhause erfüllen und häufig mit dem Spagat zwischen Anforderungen der Schulen und Homeoffice zurecht kommen. Homeschooling wird oft dazu gesagt, wobei es sich vom Homeschooling, für das sich Familien normalerweise nach reichlicher Überlegung freiwillig entscheiden, ganz wesentlich unterscheidet.

Distance-Learning und Homeschooling sind sehr unterschiedlich.
Distance Learning und Homeschooling sind zwei unterschiedliche Konzepte.

Diese missverständliche Verwendung der Begriffe für sehr unterschiedliche Bildungsarten ist meiner Ansicht nach problematisch. Viele Leute ziehen durch ihre Erfahrungen mit dem Distance-Learning Schlüsse über Homeschooling, ohne sich weiter darüber informiert zu haben, wie Homeschooling üblicherweise stattfindet und welche Möglichkeiten es bietet. Hier ein Versuch ein bisschen Klarheit zu bringen.

Distance-Learning

Im Zuge eines Lockdowns während der Corona-Pandemie findet zeitweise in Schulen kein Unterricht statt und SchülerInnen sollen in dieser Zeit zuhause weiter die Anforderungen der LehrerInnen erfüllen. Häufig gibt es Onlinekonferenzen mit LehrerInnen und MitschülerInnen, an denen man zu bestimmten Zeitpunkten teilnehmen soll. Genauso werden in den unterschiedlichen Fächern Aufgaben gestellt, die es bis zu einem gewissen Zeitpunkt zu erledigen gilt. Das bedeutet, die Aufgabenstellungen und Abgabetermine werden von den jeweiligen LehrerInnen gegeben. Das Distance-Learning ist nur so lange aufrecht, wie die Schulen aufgrund des Lockdowns keinen Präsenzunterricht machen. Die Familien haben sich nicht aus freien Stücken entschieden und müssen häufig ganz plötzlich Homeoffice und Distance-Learning koordinieren. Die Kontakte zu anderen Menschen sind sehr eingeschränkt und die meiste Zeit wird tatsächlich unter erschwerten Bedingungen nur innerhalb der Familie zuhause verbracht.

Steckbrief Distance-Learning:

  • Wer: mit Geschwistern und Eltern; online Austausch mit Lehrern und Mitschülern
  • Wann: festgesetzte Start und Endzeit der online Sitzungen; oft fixe Zeiten, wo die restlichen Aufgaben und Aufträge erfüllt werden
  • Wo: Zuhause – aufgrund der Lockdowns sind nur kurze Aufenthalte draußen möglich.
  • Was: Die Lehrpersonen legen die am Lehrplan orientierten Materialien fest.
  • Wie: So, wie es von den Lehrern festgelegt wird. Sachwissen und Fähigkeiten werden meist in theoretischer Form und getrennt von den anderen Themen erarbeitet.

Homeschooling

Die Kinder und Jugendlichen gehen ihrer Bildung außerhalb einer Schule nach. Ich sage bewusst nicht „zuhause“ – denn die Bildung ist normalerweise nicht auf zuhause limitiert, wie es beim Distance-Learning aufgrund der Lockdowns der Fall war. Dieser Bildungsweg existiert seit langer Zeit und ist in vielen Ländern als eigene Bildungsform anerkannt.

Nötige Vorkehrungen und Planungen können getroffen werden, bevor Familien die Entscheidung für’s Homeschooling treffen. So wird dafür gesorgt, dass die beruflichen Anforderungen der Eltern und die Bildung der Kinder langfristig gut unter einen Hut gebracht werden können.

Für Homeschooling entscheiden sich die Familien freiwillig und üblicherweise nach reiflicher Überlegung und Recherche.

Serena maria zimmermann

Homeschooling bietet Familien einen großen Gestaltungsfreiraum, sowohl was die Zeiteinteilung, als auch die Materialien anbelangt. So kann die Bildung individualisiert werden und zusätzlich zu Schulbüchern eine große Vielzahl an Materialien verwendet werden. Genauso gibt es im Homeschooling unzählige Möglichkeiten für soziales Lernen. Es ist sehr gebräuchlich, dass diverse Bildungsangebote wie Kurse, Workshops, Vereine und Veranstaltungen jeglicher Art besucht werden und die Kinder generell mit vielen unterschiedliche Menschen regelmäßigen Kontakt haben, Freundschaften schließen und pflegen und vielfältige Erfahrungen machen können. 

Es gibt ein breites Spektrum, wie das Homeschooling strukturiert werden kann. In manchen Familien findet Unterricht Zuhause statt und es ähnelt dem Ablauf von Schulen – mit eingeteilten Unterrichtszeiten, es wird einem gewissen Plan gefolgt, der Tag wird vielleicht in Lernzeit und Freizeit eingeteilt. Jedoch kann die Familie selbst, häufig die Eltern, diese Struktur und die Materialien organisieren. Wie der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Universität Wien bestätigt, absolvieren Kinder und Jugendliche im Homeschooling ihre Bildung meist sehr erfolgreich.

Steckbrief Homeschooling:

  • Wer: Uneingeschränkt. Sowohl innerhalb der Familie, als auch mit vielen anderen Personen.
  • Wann: Flexibel. Teils gibt es fixe Lernzeiten.
  • Wo: Flexibel. Zuhause und unterwegs; in Kursen, Vereinen, Ausflügen, Museen, Workshops & Co.
  • Was: Alles mögliche. Die Eltern halten sich oft an vorbereitete Lehrpläne. Viele Familien orientieren sich hier auch vermehrt an den Interessen der Kinder und Jugendlichen.
  • Wie: Viel durch theoretische Lernmaterialien, aber auch sehr praktisch und durch alles siehe „Wo“.

Selbstbestimmte Bildung

Eine spezielle Form des Homeschoolings ist die Selbstbestimmte Bildung, wo es besonders darum geht, die Fragen, Interessen und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen aufzugreifen und ihnen vielfältige Möglichkeiten zu bieten, diese weiterzuentwickeln.

Es können bei der Selbstbestimmten Bildung durchaus theoretische Lernmaterialien verwendet werden, jedoch liegt ein Hauptaugenmerk auf situationsbezogenem und vernetztem Lernen. Sowohl Zuhause, als auch bei Unternehmungen. Sowohl innerhalb der Familie, als auch mit anderen Personen. Deshalb gibt es bei dieser Bildungsform keine strikte Einteilung in Lern- oder Freizeit, da davon ausgegangen wird, dass zu jedem Zeitpunkt Lernen stattfindet. Durch ein abwechslungsreiches Leben bietet diese Bildungsform die Gelegenheit, sich eine große Vielfalt an Fähigkeiten und Wissen anzueignen und gleichzeitig die Bereiche, in denen die persönlichen Stärken und Interessen liegen, so weit wie gewünscht zu vertiefen.

In der Selbstbestimmten Bildung werden Eigeninitiative, Flexibilität, selbstständiges und lebenslanges Lernen genauso wie soziales Lernen und Empathiefähigkeit hochgeschrieben.

Serena maria zimmermann

Ausführlicher definiert und mehr konkrete Beispiele dazu findest du in diesem Artikel: Was ist Selbstbestimmte Bildung?.

Steckbrief Selbstbestimmt Bildung:

  • Wer: Uneingeschränkt. Sowohl innerhalb der Familie, als auch mit vielen anderen Personen.
  • Wann: Ständig. Es gibt keine fixe Trennung in „Lernzeit“ und „Freizeit“. 
  • Wo: Flexibel. Zuhause und unterwegs; in Kursen, Vereinen, Ausflügen, Museen, Workshops & Co
  • Was: Uneingeschränkt. Genau darum geht es – möglichst viel von der Welt gemeinsam zu erkunden, darüber zu lesen, mit anderen Leuten dazu in Kontakt zu kommen. Dabei sind die Interessen der Kinder und Jugendliche der Ausgangspunkt. Das Beschäftigen damit führt für gewöhnlich zu vielen neuen – nicht im Vorhinein festlegbaren oder einschränkbaren – Themen und Möglichkeiten.
  • Wie: Uneingeschränkt. Sachwissen, Kulturtechniken und die unterschiedlichen Fähigkeiten werden auf vernetzte Art und Weise erworben. Es können theoretische Lernmaterialien genauso zum Einsatz kommen wie einfach alles, was diese Welt zu bieten hat (siehe auch „Wo“).

Häuslicher Unterricht 

Dies ist in Österreich der rechtliche Begriff für jede Art des Homeschoolings. Die Kinder und Jugendlichen können vor Beginn des Schuljahres in den häuslichen Unterricht abgemeldet werden und sollen in der sogenannten Externistenprüfung zeigen, dass ihr erworbenes Wissen und ihre Fähigkeiten auf mindestens dem gleichen Stand sind, wie das von SchülerInnen in Schulen. Mehr Information darüber findest du hier. Auch Kinder, die in Privatschulen ohne Öffentlichkeitsrecht gehen, müssen in den häuslichen Unterricht abgemeldet werden.

Wie aus dieser Gegenüberstellung einiger Merkmale klar wird, ist das Distance Learning, wie es während eines Lockdowns stattfindet, dem Homeschooling normalerweise – also ohne Lockdown – nicht annähernd gleichzusetzen.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude am Lernen und Weiterbilden – egal in welchem Bildungssetting ihr oder eure Kinder sich derzeit befinden!

Der Artikel erschien erstmals in ähnlicher Form bei Babymamas.at.

Foto credits: iStock by Getty images