Japan Calling – Interview mit der Keramikerin Sandra Holzer über ihre Keramik-Residency in Japan

Viele Keramiker*innen träumen davon, in Japan eine Keramik-Residency zu machen. Gilt Japan doch als einer der Keramik-Hotspots der Welt. Für Sandra Holzer alias Franzi.ist wurde dieser Traum im Herbst 2023 Realität. Sie hat 8 Wochen im Keramik-Hub Mashiko im dortigen Keramikmuseum verbracht und gearbeitet. Ich habe Sandra in ihrer Werkstatt besucht und mit ihr über ihren Aufenthalt, die Faszination Keramik und ihre bevorstehende Ausstellung “Mesmorising Memories” gesprochen. Viel Spaß beim Eintauchen!

Auf der Reise war es für mich so interessant zu erleben, dass Keramik in Japan einfach so ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist. Dadurch entsteht eine ganz andere Wertschätzung gegenüber unseres Berufs, das war so schön zu erfahren.

Interview mit der Keramikerin Sandra Holzer über ihre Keramik-Residency in Japan. Geführt von Serena Maria Zimmermann.

Serena: Danke, dass du dir heute Zeit für das Gespräch nimmst. Ich freue mich, mit dir über deine Keramik-Residency in Japan zu sprechen. Möchtest du uns zuerst jedoch erzählen, wie dein Weg zur Keramik war?

Sandra: Ich habe Design, Handwerk und materielle Kultur in St. Pölten studiert. Das ist ein alternatives Studium zu Produktdesign. Ich habe gelernt, was es für Design-Methoden gibt und wie die unterschiedlichsten Produkte hergestellt werden. Es ging auch viel um die Zukunft des Handwerks allgemein. Im Zuge des Studiums hatten wir ganz viele Werkstätten und konnten mit unterschiedlichsten Materialien arbeiten, ich war unter anderem auch in einer Tischlerwerkstatt. Am Ende jedes Semesters machten wir Abschlussarbeiten, das konnte zB. der Prototyp eines Produkts oder eine Installation sein. Für mein Diplomprojekt habe ich mich dann für die Arbeit mit Porzellan entschieden. Mein damaliger Keramiklehrer, Hermann Seiser, hat eine Werkstatt im 18. Bezirk in Wien, bei ihm konnte ich das Projekt umsetzen. Und von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich war einfach so gern dort, dass ich ihm immer wieder geholfen und bei seinen Produktionen mitgemacht habe. Das war für mich sehr wertvoll und ich habe so viel über Porzellan gelernt. Neben einem Profi zu arbeiten ist einfach das, wo man echt viel lernen kann. Doch irgendwann habe ich mir gedacht: Jetzt hab ich schon studiert, da möchte ich auch etwas Eigenes machen.

Serena: Wie bist du das dann angegangen?

Sandra: Ich habe damals in einer WG gewohnt und wir haben nur Geschirr gehabt, das mir nicht gefiel. Das hat mich genervt und ich habe mir gedacht: “Nein, das kann es jetzt nicht sein. Ich arbeite in einer Porzellanwerkstatt und habe selber kein Geschirr, das mir gefällt.” Also habe ich drei Produkte entwickelt – einen Becher, eine Schale, einen Teller.

Serena: Ist das der Becher, aus dem wir gerade Tee trinken?

Sandra: Genau der. Diese drei Produkte konnte ich in Hermann Seisers Werkstatt noch umsetzen und ich habe die ersten Serien dort gemacht. Dann hörte ich, dass in der WUK Keramikwerkstatt ein Platz frei geworden ist, woraufhin ich mich beworben habe und aufgenommen wurde. Das war super. Während der Zeit dort habe ich auch das Kolleg der Keramikschule in Stoob gemacht. Schließlich habe ich dann meine eigene Werkstatt gefunden. Bei einer Messe für modernes, hochwertiges Handwerk habe ich meine drei Produkte vorgestellt. Als ich alles verkauft habe, was ich mit hatte und zusätzlich noch eine Bestellung bekommen habe, dachte ich mir: Ok, passt! Jetzt mach’ ich einfach weiter!

Jede*r kann die ganz eigene Sprache mit dem Material finden, wenige Materialien sind so divers. Das ist schon einzigartig.

Serena: Was fasziniert dich so an Keramik? Warum hast du dich im Endeffekt für dieses Material entschieden?

Sandra: Es hat sich schleichend herauskristallisiert, dass mich Keramik so interessiert und das Interesse auch nicht abbricht. Zuerst wollte ich mich nicht festlegen, weil ich so viele Materialien spannend fand. Doch mit der Zeit dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Erst da habe ich gemerkt, wie riesig die Möglichkeiten mit Keramik sind. Keramik ist unerschöpflich, habe ich das Gefühl.

Wenn ich in die Werkstatt komme, ist immer das erste der Blick auf den Ofen. Wie heiß ist er? Ist er bereit zum Ausräumen? Danach folgt auch gleich die Auseinandersetzung mit dem, was schief gegangen ist.

Serena: Wie gestalten sich deine Arbeitswochen normalerweise?

Sandra: Das ist immer eine Mischung aus unterschiedlichen Aufgaben. Von Organisatorischem, und E-Mails bearbeiten über Materialorganisation und Produktion bis hin zu Kund*innenkontakten. Ich habe immer Listen mit den Sachen, die ich machen will und diese Listen arbeite ich dann ab im Endeffekt. Man stellt sich das vielleicht auch romantischer vor, aber es gibt einfach Dinge, die zu tun sind.

Serena: Dafür war es in Japan wahrscheinlich umso romantischer. Erzähl uns davon! Wie kam es dazu?

Sandra: Vor genau einem Jahr bin ich zufällig auf das Mashiko Museum of Ceramic Art gestoßen, weil ein Keramiker, dessen Arbeiten ich toll fand, selber mal dort gewesen war. Ich habe gesehen, dass es dort ein Residency Programm gibt und habe mich spontan beworben mit dem Hintergedanken: Wenn ich es nicht versuche, bereue ich es, aber es wird wahrscheinlich sowieso nichts. Nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass das klappen könnte. Doch ein paar Monate später, etwa im Mai, haben sie sich gemeldet und mir gesagt, dass ich in der engeren Auswahl bin. Schließlich habe ich den Platz bekommen und bin Anfang Oktober nach Japan geflogen. Den Flug habe ich selber gebucht, alles andere wurde vom Museum organisiert.

Interview mit Sandra Holzer alias Franzi.ist über ihre Keramik-Residency im Mashiko Museum of Ceramic Art, Japan. Geführt von Serena Maria Zimmermann

Serena: Wie viele Residency Plätze gab es?

Sandra: Normalerweise gibt es einen Platz, aber aufgrund der Pandemie hatten sie ein paar Jahre niemanden aufgenommen, also wollten sie diesmal zwei Personen diese Möglichkeit bieten. Mit mir gemeinsam war noch ein japanischer Keramiker dort, Kazuya Ishida. Er hat fantastische Sachen gemacht, es war super, neben ihm zu arbeiten.

Serena: Wie war es in Mashiko und wie ist es dir dort gegangen?

Sandra: Das Museum ist in einem richtigen Park. Unten ist das Gebäude, in dem die Residency Gäste wohnen. Vor meinem Appartement stand ein Zitronenbaum und daneben Bambus. Man geht über einen nur mit Steinen gelegten Weg einen Hügel hinauf, wo sich ganz oben das Museum befindet und ein anderes Gebäude mit den Studios, daneben ein alter Climbing kiln und ein Holzofen, den wir auch gebrannt haben und ein anderes Haus mit Strohdach. Es ist wirklich in der schönsten Umgebung! Noch dazu hatten wir im Oktober und November über 20 Grad und ich bin im T-Shirt draußen gesessen, die Leute sind mit einem Grinser vorbei gegangen. Das war so nett, obwohl wir uns sprachlich nicht verstanden haben. Es war so eine tolle Stimmung.

Dadurch, dass die Kommunikation im Vorfeld so gut war, habe ich mich total sicher und gut aufgehoben gefühlt. Es war so gut organisiert, dass sogar der Ton, mit dem ich arbeiten würde, schon bereit war. Ich brauchte echt nur ankommen und loslegen. Das habe ich auch gemacht – obwohl ich anfangs ziemlichen Jetlag hatte.

Es war so eine nette Community! Jede*r schaute mal vorbei und hat hinein gewunken. Es war einfach so besonders und wieder einmal der Beweis, dass es immer die Menschen sind, die einen Ort ausmachen.

Serena: Woran hast du in Mashiko gearbeitet?

Sandra: Ich wollte mir bewusst Zeit nehmen, um an Vasen und Schalen zu arbeiten. Ich hatte in den Jahren davor sehr viel Tableware gemacht und war froh, mit dem lokalen Ton und Glasuren zu experimentieren. In Mashiko gibt es 200 Keramiker*innen, die verwenden hauptsächlich ein paar Tone und mit denen wollte ich mich auseinandersetzen. Es gibt ein paar Grundglasuren, die meisten werden auch mit lokalen Materialien hergestellt und ich habe Techniken entwickelt, wie das zu anderen Ergebnissen führen kann als die Objekte, die ich dort gesehen hatte. 

Ein Teil meiner Residency war auch andere Künstler*innen in ihren Studios zu besuchen und mit ihnen über ihre Arbeiten, Techniken und Materialien zu sprechen. Das war total spannend, weil das fantastische Künstler*innen sind, von denen jede*r ganz klar den eigenen Stil und die eigene Technik verfolgt. Sie haben ganz scharfe Profile, wo du genau weißt: das kann nur von der Person sein. Das war echt toll.

Serena: Was nimmst du dir von deinem Japan Aufenthalt mit? Gibt es etwas, was dich jetzt bei deiner Arbeit zurück in Österreich beeinflusst?

Sandra: Darüber habe ich viel nachgedacht. Wie soll ich jetzt weiter machen? Wenn man Dinge beginnt neu zu sehen, kann man das nicht mehr ausblenden. Das ist cool, weil es bereichernd ist. Für mich trifft das vor allem zu, was Techniken und Material betrifft. Bei den Formen weniger. Die japanische Formensprache ist ganz anders als die europäische. Der Kurator des Museums in Mashiko hat gesagt, er verorte meine Arbeiten eher als Deutsche Form. Die Vasen seien ganz anders, als es ein*e japanische*r Künstler*in machen würde. Das habe ich echt interessant gefunden, weil ich einfach nur kreiert habe, ohne mir etwas dabei zu denken. Ich finde es spannend und glaube, von der Form kann man sich nicht so leicht lösen. Und ich will mich davon auch nicht lösen oder sie verändern. Es würde für mich keinen Sinn machen, etwas aus einer anderen Kultur zu kopieren, nur weil ich es cool oder schön finde. Für mich ist es das Spannende, es zu übersetzen und auf meine Art und Weise zu verwenden. Aber da bin ich auch noch mitten im Prozess. Ich merke schon, dass ich mich wieder neu finden muss, seit ich wieder da bin. Für mich war es eine so intensive Zeit und in ein paar Jahren kann ich rückblickend sicher leichter sagen, wie sie mich beeinflusst hat. Auf jeden Fall ist es aber eine Kultur, von der wir sehr viel lernen können. Sie ist in sich gekehrter, sehr zentriert und irgendwie ruhiger und so respektvoll. Dadurch entsteht irgendwie eine Qualität in den Objekten, die sie machen und auch in der Lebensform, finde ich.

Interview mit der Keramikerin Sandra Holzer alias Franzi.ist über ihre Keramik-Residency im Mashiko Museum of Ceramic Art, Japan. Geführt von Serena Maria Zimmermann

Serena: Welche Tipps würdest du Personen geben, die gerne eine Keramik Residency in Japan machen möchten?

Sandra: In Sachen Bewerbung finde ich vor allem wichtig, authentisch zu sein. Wenn du es nicht bist, spürt man das irgendwie. Und wenn du mit etwas, was du dir eigentlich nicht selber denkst, gewinnst, dann kannst du dich gar nicht freuen.

Außerdem schlage ich vor, sich nicht so sehr im Vorhinein ein Bild darüber zu machen, was einen erwarten könnte, sondern einfach zu schauen, was passiert. Und darauf zu vertrauen, dass man schon viel mitbringt. Dort wird man zwar mit einem anderen Material arbeiten und weiß nicht, wie die ganzen Sachen funktionieren, die Brennöfen zum Beispiel. Umso wichtiger ist es aber, einfach zu vertrauen und sich darauf einzulassen, was die Situation vor Ort bietet. Es ist schon spannend, dass es an jedem Ort andere Möglichkeiten dessen gibt, was man keramikmäßig machen kann. Je nachdem, wie die Infrastruktur, die Menschen und die eigene Bereitschaft sind. Es hilft auch, sich keinen Druck zu machen, was dabei herauskommt, sondern auch ein bisschen im Prozess selber das Resultat zu sehen.

Serena: Du hast bald eine Ausstellung – erzähl uns darüber!

Sandra: Am Ende meiner Residency in Mashiko konnte ich im Keramikmuseum eine Ausstellung meiner Werke machen. Zum Glück konnte ich alle meine Werke mit nach Österreich nehmen. Viele Personen hier haben mich gefragt, woran ich in Japan gearbeitet habe, so kam die Idee, auch in Österreich die Möglichkeit zu schaffen, meine Werke herzuzeigen. Am 23.2.2024 um 18 Uhr findet im Kollektiv Kaorle das Opening meiner Ausstellung “Mesmerising Memories” statt und von 24.-25.2. kann die Ausstellung auch besucht werden. Zu sehen gibt es Stücke mit Nuka Glasur, mit der ich mich auseinandergesetzt habe und außerdem habe ich mit Oxiden, Reduktionsbrand und Holzbrand experimentiert.

Serena: Toll, darauf freue ich mich! Gibt es zum Abschluss noch etwas, was du uns mit auf den Weg geben möchtest?

Sandra: Auf meiner Ausstellung in Japan war auch ein Holzfäller, der mir spezifische Fragen über meine Glasur und Tone gestellt hat. Das hat mich so beeindruckt und geflasht. Es ist einfach cool, dass Keramik dort so wahrgenommen wird und so wichtig ist. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum es in Japan so tolle Künstler*innen gibt, weil es in der Gesellschaft einfach die Resonanz gibt. Vielleicht können wir uns das abschauen – dass man sich zweimal Zeit nimmt, hinzuschauen und nachzufragen.

Keramik begründet sich sowohl in Österreich, als auch in Japan auf einer langen Tradition. Es sind einfach ganz andere Zugänge, die man von Anfang an gelernt bekommt. Aber ich habe dort auch gemerkt, dass es eine große Wertschätzung für unterschiedliche Zugänge zur Keramik gibt. Jede*r macht einfach etwas ganz anderes und es gibt eine Sensibilisierung dafür, die Wertigkeit darin zu sehen. 

Den Mut, einfach das durchzuziehen, was man selber gerade probieren will, weil man es schön oder spannend findet, wünsche ich uns allen. Auch, wenn das oft das Schwierige ist. Jede*r kann in der Keramik seinen/ihren eigenen Weg finden, um mit dem Material zu arbeiten. Wenn wir uns das trauen, wird es auch spannende Ergebnisse geben.

Vielen Dank, Sandra, für deine Zeit, deine Gedanken und diese interessanten Einblicke in deine Japan-Zeit! Ich freue mich darauf, dich bei deiner Ausstellung Mesmerising Memories zu besuchen!

Mesmerising Memories
Kollektiv Kaorle
Ottakringer Straße 201
1160 Wien
23.2.2024 18:00 Opening
24.2.2024 13:00-19:00
25.2.2024 13:00-17:00

Fotos (c) Philipp Ender