Was ist Selbstbestimmte Bildung?

Selbstbestimmte Bildung ist eine Bildungsform, die sich an den Stärken und Interessen der Kinder und Jugendlichen orientiert. Durch ein abwechslungsreiches Leben wird situationsbezogen und vernetzt gelernt. Immer und überall.

Selbstbestimmte Bildung bedeutet durch direkte Lebenserfahrungen zu lernen.
Aufwachsen im direkten Leben durch Selbstbestimmte Bildung.

Du bist Elternteil oder arbeitest im Bildungssektor und möchtest verstehen, worum es bei dieser Bildungsform geht? Mein Ziel mit diesem Artikel ist es, dass du am Ende deiner Lektüre eine konkrete Vorstellung davon hast, wie sich Kinder und Jugendliche rund um den Globus selbstbestimmt bilden. Dich erwartet:

  • ein Überblick darüber, wie Selbstbestimmte Bildung von ForscherInnen definiert wird.
  • die pädagogischen und lerntheoretischen Prinzipien, die diesem Bildungsweg zugrunde liegen.
  • Real-Life Beispiele.

Selbstbestimmte Bildung in Action

Mein Sohn war gerade 6 Jahre alt geworden, als er eines Tages zu mir sagte: „Ich möchte mir online Legoprodukte anschauen.” Er hatte sich etwas Taschengeld gespart und wollte nun wissen, ob er sich die Produkte, die ihm gefielen, leisten konnte. Also setzte ich mich mit ihm und dem Laptop an den Tisch und half ihm, den Computer zu bedienen. Nach einiger Zeit hatte ich jedoch etwas anderes zu tun und als ich meinte, dass wir den Laptop deshalb beiseite räumen würden, antwortete er: „Du kannst ruhig gehen, ich habe schon gesehen, wie ich den Computer selbst bedienen kann.“

Was folgte? Er sah einen Nutzen und war mit Begeisterung bei der Sache. Mehrere Tage hintereinander studierte er die Lego-Webseite, während ich in der Nähe war und für Zwischenfragen zur Verfügung stand. So lernte er direkt in der relevanten Situation allerhand Neues und trainierte diverse Fähigkeiten weiter. Er:

  • begann die Produktnamen selbst zu lesen, die Preise zu vergleichen, auszurechnen, was er sich mit dem Taschengeld schon leisten könnte.
  • verglich Maßtabellen und nahm ein Maßband um die Größe nachzumessen.
  • schrieb seine Lieblingsprodukte mit Namen und Artikelnummer auf einen Zettel.
  • verhandelte mit seiner Schwester, die auch teilhaben wollte, wer wann und wie den Computer bedienen könnte.
  • sprach mit Freunden über die Produkte, gemeinsam schmökerten sie in Print-Katalogen, verglichen und berieten sich. Sie besprachen die Unterschiede zu Legosets, die sie bereits hatten, welche Teile und Funktionen neu waren.

Es beginnt mit einem Interesse, das zu mehr und mehr führt. Immer kommen neue Ideen, Fragen, Leute, Orte und Materialien hinzu und so wird auf vernetzte Art und Weise das Wissen erweitert, Fähigkeiten erlernt, Soft Skills erworben.

Serena Maria zimmermann

Und jetzt stell dir vor, dass selbstbestimmt lernende Kinder mehrere solche Situationen jeden Tag erleben. Und zwar sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. An unterschiedlichen Orten, mit verschiedensten Personen und in diversen Kontexten. Unglaublich, was da an Fähigkeiten, Wissen, sozialen Skills (und so vieles mehr!) gelernt wird. Alles miteinander vernetzt, nachhaltig und mit Lust auf mehr: mehr forschen, mehr kreieren, mehr beitragen, mehr tun, mehr Verantwortung übernehmen, mehr Entscheidungen treffen. Mehr Lernen.

Definitionen von Selbstbestimmter Bildung

Dr. Gina Riley, Psychologin und Professorin am Hunter College in New York, die seit Jahren zum Thema Selbstbestimmte Bildung forscht, sagt:

„Es bedeutet, durch die eigene intrinsische Motivation zu lernen und die eigenen Interessen und Neugierde das Lernen leiten zu lassen.“

Dr. Gina Riley

In ihrem Buch Unschooling: Exploring Learning Beyond the Classroom führt sie außerdem an, dass es eine Art des Homeschoolings ist, wo Kinder und Jugendliche an Stelle eines fixen Lehrplanes durch Lebenserfahrungen lernen. Es geht darum, dass sie ein abwechslungsreiches Leben führen und verschiedenste Erfahrungen machen können.

Durch diese Definition wird schon klar, dass es natürlich ein paar Vorraussetzungen dafür gibt, dass Selbstbestimmte Bildung funktioniert. Judy Arnall, Autorin von Unschooling to University, beschreibt in ihrem Buch die selbstbestimmten Bildungswege von 30 jungen Menschen, die sich allesamt später an Universitäten und anderen höheren Bildungseinrichtungen weitergebildet haben. Sie definiert drei Komponenten, die für Selbstbestimme Bildung gegeben sein müssen: 

  • Erwachsene, die die Kinder begleiten ihre Interessen unterstützen
  • ein abwechslungsreiches Umfeld mit einer Vielzahl an Materialien und Erfahrungen 
  • jede Menge Zeit, die den Kindern und Jugendlichen frei zur Verfügung steht
In der Selbstbestimmtem Bildung ist viel Vertrauen zwischen Erwachsenen und deren Kindern.
In der Selbstbestimmten Bildung vertrauen die Erwachsenen in die individuellen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen.

Selbstbestimmt Bildung ist nachhaltiges Lernen im Alltag

Selbstbestimmte Bildung basiert auf dem Fakt, dass das menschliche Gehirn für’s Lernen gemacht ist und „nicht NICHT lernen kann“, wie der Hirnforscher Manfred Spitzer sagt. Alle Kinder wollen eines: das machen, was die Großen machen. Sie sind praktisch dafür gemacht, sich selbst zu bilden, meint der US Psychologe und Wissenschaftler Peter Gray.

Darauf bauen wir in der Selbstbestimmten Bildung auf: wir lassen unsere Kinder am Leben teilhaben, sorgen für eine vielfältige Umgebung und unterstützen sie in ihren Interessen. So schaffen wir die optimalen Bedingungen für effektives und nachhaltiges Lernen. Das passiert nämlich dann, wenn Begeisterung und direkter Nutzen aufeinander treffen. Auf diese Art und Weise lernen Kinder und Jugendliche alles, was sie brauchen – von lesen, schreiben und rechnen über Computerkenntnisse und Sachwissen hin zu ihrer sozial-emotionalen Entwicklung, Problemlösungsskills und so viel mehr.

Schwer vorstellbar? Ich weiß!

Ging mir auch so, als ich während meines Lehramtsstudiums durch eine Studienkollegin das erste Mal auf dieses Thema aufmerksam wurde. Ist auch klar – zu ungewohnt ist diese Bildungsform, zu wenig (bis gar keine) Informationen haben die meisten Leute darüber, zu einseitig wird Homeschooling meist in den Medien dargestellt. Und: zu konträr ist sie der Bildung, die die meisten Erwachsenen selbst erlebt haben. Die folgenden Beispielen bieten noch spezifischere Einblicke in das Lernen durch in der Selbstbestimmten Bildung.

Weitere Beispiele für vernetztes Lernen durch Selbstbestimmte Bildung

  • Ein 5-jähriges Mädchen liest eine Geschichte, in der Wölfe vorkommen. Sie ist fasziniert von den Tieren und über mehrere Wochen hinweg holt sie viele Bücher aus der Bücherei, besucht mit Freunden einen Tiergarten, um Wölfe live zu sehen, bastelt ein Wolfskostüm, schaut Dokumentationen über die Tiere.
  • Vor der Eingangstür ist ein Spinnennetz, ein 7-jähriger Bub ist fasziniert und will die Spinne beobachten. Nach ein paar Tagen sieht er, wie sie sich eine Fliege schnappt. Dann wird nachgeforscht: welche Spinnen gibt es in Österreich? Wie sehen sie aus, wie bauen sie ihre Netze, wie fange sie ihre Beute? Er zeichnet Spinnen, schlägt zusätzlich noch in einer Bilder-Enzyklopädie nach.
  • Ein 5-jähriges Mädchen sieht täglich Zahlen, Schrift, Computer. Sie sieht ihre Eltern, Geschwister und andere Leute schreiben, mit der Hand, am Handy oder Computer. Sie integriert das ins Spiel, fragt, was die einzelnen Buchstaben bedeuten, schaut am Buchstabenplakat nach. Sie schreibt im Spiel – unterwegs und zuhause, alleine und mit anderen – und beginnt auf diese Art und Weise zu lesen, zu rechnen, zu schreiben und den Computer zu bedienen. 

Die Kinder wachsen im direkten Leben auf – ihre soziale und emotionale Entwicklung wird dadurch gefördert, dass sie Kontakte und Freundschaften mit Menschen jeglichen Alters und Hintergrunds bilden und pflegen können. Gleichzeitig werden ihre Fähigkeiten und ihr Wissen stetig erweitert.

serena maria zimmermann
  • Ein 16-jähriger liebt Autos. Die Familie organisiert, dass er Automechanikern über die Schulter schauen darf. Er bildet sich durch Bücher und Videos noch weiter. So eignet er sich über Jahre hinweg so viel Wissen und Fähigkeiten an, dass er mit 16 die Autos von Familie und Bekannten reparieren kann.
  • Ein 12-jähriges Mädchen hat eine Leidenschaft für’s Backen. Sie möchte an Märkten teilnehmen. Durch ihren eigenen Antrieb und mit diesem Ziel vor Augen lernt sie mehr über Finanzen, Umgang mit Kunden, Marketing, wird immer kreativer und beginnt schließlich damit Geld zu verdienen. 
  • Ein 11-jähriges Mädchen möchte ihrem Bruder helfen, der traurig ist, weil ein Wettlauf, an dem er teilnehmen wollte, nicht stattfindet. So beschließt sie selbst ein Sportfest für Kinder der Familie und aus der Bekannt- und Nachbarschaft zu organisieren. Aus eigener Motivation plant sie monatelang. Sie fixiert den Termin, entwirft Flyer, druckt und verteilt sie, überlegt sich den Ablauf, teilt unterschiedliche Gruppen und Startzeiten ein. Sie findet Sponsoren, stellt Medaillen her, kümmert sich um Teilnehmerlisten und Urkunden. Und, um all das noch zu toppen, organisiert sie ein Rahmenprogramm. Eltern und andere Leute helfen mit, sie leitet also auch noch ein Team.  Abgesehen vom wertvollen Beitrag für die Community ist die große Vielfalt an Fähigkeiten, die hier trainiert und gelernt wurden, offensichtlich.

Das Wann, Wo, Wer und Was von Selbstbestimmter Bildung

In der Selbstbestimmten Bildung wird immer und überall gelernt.
Selbstbestimmte Bildung bedeutet Lernen und Bildung immer und überall und auf unterschiedlichste Arten.

Nach den Definitionen und Praxisbeispielen schauen wir uns zusammenfassend nun noch diverse Aspekte dieses Bildungsweges an. Selbstbestimmte Bildung hat kaum Einschränkungen in Sachen Zeit, Ort, Personen und Materialien. Ja, klar, jeder muss mal schlafen, irgendwann wird es dunkel und nein, wir können nicht auf den Mond fliegen, wann es uns beliebt oder heute Nachmittag mit Oprah Winfrey und Barack Obama auf einen Kaffee gehen, nur weil wir es uns ganz fest wünschen.

Aber: 

  • Jeder Moment trägt zur umfassenden Bildung bei. Lernen beginnt und endet nicht zu einer vorgegeben Zeit.
  • Verschiedenste Orte können besucht werden und zu reichhaltigen Bildungserlebnissen führen. Lernen findet nicht nur an einem bestimmten, festgelegten Ort statt. Sehr häufig besuchen die Kinder und Jugendlichen Kurse, Vereine, Workshops, Veranstaltungen & Co und sind viel in Museen, Büchereien und auf Ausflügen unterwegs. In der Selbstbestimmten Bildung ist es auch möglich, dass Kinder und Jugendliche teilweise eine Schule besuchen, wenn sie sich dafür entscheiden.
  • Mit unterschiedlichen Personen findet Lernen statt. Selbstbestimmt Lernende sind Teil einer Gemeinschaft UND es können immer neue Leute hinzugeholt werden, neue Mentoren, Bezugspersonen und neue Freundschaften entstehen. Gleichaltrige inkludiert.
  • Diverse Materialien kommen zum Einsatz. Lernen wird durch alles gefördert, was uns Menschen zur Verfügung steht. Natürlich werden auch Bücher, Sachliteratur, Fachpersonen, Filme & Co mit an Board geholt und tragen einen wesentlichen Beitrag zur Bildung bei.

Es geht darum, mit den Kindern hinaus in die Welt zu gehen
und die Welt nach Hause zu holen.
 Vielfalt in allen Bereichen ist die Devise!

Serena maria zimmermann

Zweifel und Fragen

Viele Fragen tauchen auf, wenn Leute das erste Mal mit dem Thema Homeschooling und Selbstbestimmte Bildung konfrontiert werden:

Kann Sozialisierung so stattfinden? Kinder brauchen doch etwas ganz anderes, als „nur in der Familie“. Können sie auf diese Art und Weise Konfliktbewältigung und das Zusammenleben mit Menschen mit anderen Meinungen und Ansichten lernen? Und wie sollen die Kinder und Jugendlichen so Freunde finden?

Man weiß doch als Elternteil auch nicht alles. In der Volksschulzeit geht das vielleicht noch, aber wie sollen Eltern ihre älteren Kinder bei komplexeren Themen unterstützen?

Machen Kinder also nur das, worauf sie Lust haben? Werden sie dadurch denn auf das echte Leben vorbereitet?

Woher sollen die Kinder „von alleine“ wissen, was sie später im Leben brauchen werden? So verwährt man ihnen doch bestimmt die Möglichkeit an die Uni zu gehen oder einen guten Job zu bekommen.

Das soll eine umfassende Bildung sein, die Kinder und Jugendliche auf ihr Erwachsenenleben vorbereitet?

Ist das nicht schädlich für die Gesellschaft und die Demokratie, wenn sich Kinder außerhalb von Schule auf selbstbestimmte Art und Weise bilden?

Und, und, und.

Bleib gerne dran, denn Stück für Stück werde ich all diese Themen hier behandeln. In der Zwischenzeit schau gerne auf Instagram @serenamariazimmermann vorbei, um regelmäßig aus erster Hand Infos, Fakten und Erfahrungen zum Thema Homeschooling und Selbstbestimmte Bildung zu erhalten. Ich empfehle dir auch den Artikel Die Unterschiede zwischen Homeschooling, Selbstbestimmter Bildung und Distance Learning.

Hast du jetzt schon eine Frage oder ein Anliegen zu dem Thema? Dann melde dich gerne per E-Mail unter hallo@serenamariazimmermann.at bei mir. Ich freue mich darauf, von dir zu hören!

Quellen

Arnall, Judy (2018): Unschooling to University. Calgary: Professional Parenting

Gray, Peter (2008): Children educate themselves I: Outline of Evidence. Psychology Today.

Riley, Gina (2020): Unschooling: Exploring Learning Beyond the Classroom. New York: Pelgrave Studies in Alternative Education

Robertson, Robyn: Podcast Honey! I’m Homeschooling the Kids, Unschooling with Dr Gina Riley, 24.2.2021

Spitzer, Manfred (2012): Wie lernen Kinder? Aktuelles aus der Gehirnforschung. Zugriff 3. 9.2021

Fotocredits: iStock by Getty images